Von Martin Mosebach · Musik-, Literatur- & Gesellschaftskritik (Feuilleton; alle drei Rubriken)
Wer die Liste der besten Dirigenten aufstellen will, begibt sich in ein Minenfeld: Denn das Dirigieren ist die einzige Kunst der Interpretation, die kein eigenes Instrument kennt. Das Orchester ist sein Werkzeug — und doch ist der Taktstock mehr als ein Zeigefinger im Frack. Er ist das sichtbare Zeichen einer inneren Überzeugung, die sich, wenn alles stimmt, auf sechzig oder achtzig Musikerinnen und Musiker überträgt, bis das Publikum davon ergriffen wird, ohne zu wissen warum.
Die Kunst der Leitung: Was macht die besten Dirigenten aus?
Keine Bestenliste ohne Kriterien — und hier beginnt das eigentliche Problem. Ein Dirigent wie Carlos Kleiber stand kaum zehn Abende im Jahr am Pult, hinterließ ein schmales Diskographisches Erbe und gilt dennoch vielen als das größte Dirigiertalent des 20. Jahrhunderts. Ein anderer wie Herbert von Karajan hat jede verfügbare Aufnahmetechnik seiner Zeit beherrscht und das Berliner Philharmoniker-Orchester zu einem internationalen Konzern gemacht — mit allen Segnungen und Zumutungen eines Lebens im Rampenlicht. Wer war der bessere Dirigent? Die Frage lässt sich nicht durch Schallplattenverkaufszahlen beantworten.
Die Qualität eines Dirigenten lässt sich an mindestens vier Parametern messen, die selten alle gleich stark ausgeprägt sind. Erstens die technische Präzision: Zeichengebung, Tempokontrolle, die Fähigkeit, ein 120-köpfiges Orchester auf den Zählzeit-Punkt genau zu führen. Zweitens die musikalische Durchdringung der Partitur — was sich übrigens leichter nachvollziehen lässt, wenn man weiß, was eine Partitur einfach erklärt bedeutet: die vollständige Notation aller Stimmen, aus der der Dirigent eine kohärente Klangvorstellung destillieren muss. Drittens die Kommunikation: das oft schwer beschreibbare Charisma, das ein Ensemble in einem Probenprozess von sechs Stunden zu Höchstleistungen treibt. Und viertens die interpretatorische Handschrift — die Fähigkeit, aus demselben Beethoven-Werk etwas zu machen, das sich von allen Vorgängern unterscheidet, ohne dabei willkürlich zu wirken.
Historische Wegbereiter: Die Liste der besten Dirigenten des 20. Jahrhunderts
Das 20. Jahrhundert ist das eigentliche Jahrhundert des Dirigenten — nicht zufällig: Die Schallplatte machte Interpretationen konservierbar und damit vergleichbar, das Konzertleben professionalisierte sich, und die Orchesterdisziplin, wie wir sie kennen, entstand erst mit Persönlichkeiten wie Arthur Nikisch oder Hans von Bülow im späten 19. Jahrhundert als Vorläufer.
Wer eine ernsthafte Liste der besten Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts zusammenstellt, kommt an einigen Namen nicht vorbei — auch wenn die Reihenfolge Auskunft über den Beurteilenden gibt, nicht über eine objektive Hierarchie. Wilhelm Furtwängler, geboren 1886, hat Beethovens Neunte so dirigiert, dass Nachfolger das Gefühl beschleicht, den ersten Akkord des ersten Satzes nie wieder gehört zu haben. Sein Tempo-Rubato, sein organisches Atmen mit dem Orchester — das war das genaue Gegenteil einer metronomischen Aufführungspraxis und zugleich eines der überzeugendsten Argumente dafür, dass große Interpretation sich jeder Regel entzieht.
Bruno Walter und Otto Klemperer stehen für ein anderes Modell: die Kontinuität des deutsch-österreichischen Erbes, das von Wien und Berlin aus in die Emigration getrieben wurde und von Amerika aus weiterstrahlte. Leonard Bernstein hingegen — Dirigent und Komponist in einem, Pädagoge und Unterhalter — repräsentiert den amerikanischen Universalismus, der die Epoche der Klassik mit Broadway-Energie kontaminierte, manchmal zum Schaden, oft zur Bereicherung.
Carlos Kleiber bleibt der Sonderfall. Seine Aufnahmen von Beethovens Fünfter und Siebter Symphonie, von Brahms’ Vierter, von Schuberts Achter — all das ist auf kaum zwanzig Stunden Gesamtaufnahmedauer zu haben. Und doch haben Orchestermusiker, die mit ihm gearbeitet haben, von Probenritualen berichtet, die an Zauberrei grenzten: einem Mann, der in einer einzigen Geste einen ganzen Satz choreographieren konnte.
Pulte im Wandel: Die Liste der besten Dirigenten heute
Die Gegenwartsszene der Dirigenten ist vielgestaltiger als je zuvor — und zugleich von Mechanismen geprägt, die dem Feuilleton immer wieder Unbehagen bereiten. Das Agentursystem der großen Konzerthäuser und Tonträgerfirmen produziert Karrieren mit einer Geschwindigkeit, die einer gründlichen künstlerischen Entwicklung selten förderlich ist. Wer mit 28 Jahren beim Berliner Philharmoniker debütiert und gleichzeitig drei Exklusivangebote bekommt, ist in einer strukturell anderen Situation als Kleiber, der sich Zeit ließ.
Gleichwohl gibt es in der Gegenwart Dirigentinnen und Dirigenten, über die man nicht hinwegsehen kann. Andris Nelsons — Chefdirigent in Boston und Leipzig — hat sich in einer Doppelrolle etabliert, die künstlerisch anspruchsvoll ist: Bruckner und Schostakowitsch, mit den Gewandhausmusikern Mahler und Brahms, mit dem Boston Symphony Orchestra amerikanische Moderne. Seine Energie am Pult ist physisch spürbar, manchmal über das Maß hinausgehend, aber selten ohne Überzeugungskraft.
Joana Mallwitz, die jüngste Chefdirigentin, die je das Konzerthaus Berlin geleitet hat, steht für etwas, das in der deutschen Dirigentenwelt lange fehlte: die Verbindung von Intellektualität und Unmittelbarkeit, ohne dass eine von beiden zu kurz kommt. Mirga Gražinytė-Tyla hat in Birmingham gezeigt, dass Klangkultur nicht an Karrierestufen hängt, sondern an der Qualität der Kommunikation zwischen Pult und Ensemble. Das Wesen des Kammerorchesters — die Fähigkeit, ohne strenge Hierarchie zu musizieren — hat ihren Dirigierstil nachweislich beeinflusst.
Die interessantesten Dirigentinnen und Dirigenten der Gegenwart sind keine Stabschwinger, sondern Musikerinnen und Musiker, die zufällig vorne stehen.
Gustavo Dudamel schließlich, der venezolanische Wunderkind-Dirigent, der als Jugendlicher im Sistema-Programm aufwuchs und heute das Los Angeles Philharmonic und die Pariser Oper leitet, ist das wirkungsmächtigste Argument dafür, dass klassische Musik keine europäische Reservatangelegenheit ist. Sein Mahler, sein Berlioz — das sind keine Traditionspflege-Aufführungen, sondern Einmischungen von außen in ein Repertoire, das davon nur profitiert.
Vom Blatt zum Klang: Wie Interpretation die Rangliste bestimmt
Hinter jeder Liste der besten Dirigenten steckt eine ästhetische Entscheidung, die selten offengelegt wird: Was soll Interpretation leisten? Treue zur Partitur — oder Freiheit ihr gegenüber? Historische Aufführungspraxis — oder Gegenwartsbezug? Diese Fragen sind nicht akademisch. Sie bestimmen, ob man Nikolaus Harnoncourt für revolutionär oder für pedantisch hält, ob man Simon Rattles vielgelobte Berliner Amtszeit als Aufbruch oder als permanente Unruhe erlebt.
Mehr als 80 % aller Chefdirigentenstellen an den zwanzig größten Orchestern der Welt waren zwischen 1900 und 2000 mit Männern aus dem deutschsprachigen oder osteuropäischen Raum besetzt — ein Muster, das sich erst seit den 1990er Jahren messbar aufzulösen beginnt.
Die Debatte zwischen texttreuer Wiedergabe und schöpferischer Neuinterpretation ist so alt wie das Dirigieren selbst. Harnoncourt plädierte zeitlebens für die Rückkehr zur Aufführungspraxis des Entstehungszeitraums; Furtwängler hätte das für philologischen Ehrgeiz ohne musikalische Seele gehalten. Wer entscheidet? Das Publikum im Saal — und, mit wachsender Macht, die Kritik, die sich nicht scheuen sollte, Partei zu ergreifen, statt moderierend zwischen Lagern zu stehen.
Denn das ist das eigentliche Problem der meisten Bestenlisten: Sie vermeiden das Urteil. Sie zählen auf, wer oft dirigiert, wer viele Aufnahmen gemacht hat, wer viele Preise gewonnen hat. Das sind Indizien, keine Argumente. Eine ernsthafte Liste der besten Dirigenten müsste erklären, warum ein Name auf ihr steht — und damit zugleich riskieren, einen anderen wegzulassen.
Die Zukunft des Taktstocks: Neue Impulse in der Klassikwelt
Das Dirigieren befindet sich an einer strukturellen Schwelle. Die großen Orchester — die Berliner Philharmoniker, das Concertgebouworkest, die Wiener Philharmoniker — sind Institutionen mit eigenem Gewicht und eigenem Klang, der sich nicht beliebig formen lässt. Ein neuer Chefdirigent bringt Impulse, aber er verändert nicht das Wesen eines Klangkörpers, der über Generationen gewachsen ist. Das macht die Chefposition zugleich mächtiger in der Außenwirkung und bescheidener im eigentlichen Einfluss.
Gleichzeitig entstehen neue Konstellationen: Ensembles ohne Chefdirigenten — das Orpheus Chamber Orchestra in New York ist das bekannteste Beispiel — zeigen, dass kollektives Musizieren ohne hierarchische Führung möglich ist. Das mag für Sinfonien der Hochromantik an Grenzen stoßen, aber es stellt eine echte Frage: Ist der Dirigent das Notwendigste am Konzertbetrieb — oder eine historische Figur, die wir aus Gewohnheit beibehalten?
Die Antwort dürfte pragmatisch sein: Für Mahlers Achte braucht man jemanden, der das Ganze zusammenhält. Für Bachs Brandenburgische Konzerte nicht unbedingt. Dazwischen liegt das eigentliche Spielfeld — und dort entscheidet sich, wer auf der nächsten Liste der besten Dirigenten stehen wird: nicht der mit dem markantesten Auftritt, sondern der, der den Klang hört, bevor das Orchester ihn spielt.
Neue Namen tauchen auf. Klaus Mäkelä, der finnische Dirigent Jahrgang 1996, hat mit dem Oslo Philharmonic und dem Orchestre de Paris zwei bedeutende Positionen übernommen und gilt als Verkörperung einer Generation, die zwischen Historismus und Experiment navigiert, ohne sich für eines davon zu entscheiden. Das kann als Stärke gelten oder als Unentschlossenheit — das hängt, wie immer, davon ab, welchen Mahler er in zehn Jahren dirigiert.
Was bleibt: Die Liste der besten Dirigenten ist kein Ranking — sie ist ein Spiegel des jeweiligen Geschmacks, der jeweiligen Zeit, der jeweiligen Frage. Und wer sie mit Überzeugung zusammenstellt, muss bereit sein, für diese Überzeugung einzustehen.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Wer gilt aktuell als der beste Dirigent der Welt?
- Eine eindeutige Antwort gibt es nicht — sie hängt von Kriterien ab. Andris Nelsons, Gustavo Dudamel, Joana Mallwitz und Klaus Mäkelä zählen zu den derzeit meistdiskutierten Namen, jeder mit einer anderen Stärke und einem anderen Repertoireschwerpunkt.
- Welche Kriterien entscheiden über die Qualität eines Dirigenten?
- Technische Präzision in der Zeichengebung, musikalische Durchdringung der Partitur, Kommunikationsfähigkeit mit dem Ensemble und eine unverwechselbare interpretatorische Handschrift. Keines dieser Merkmale allein reicht aus — entscheidend ist das Zusammenspiel.
- Wie unterscheidet sich eine moderne Liste der besten Dirigenten von historischen Rankings?
- Historische Listen konzentrierten sich auf wenige, meist mitteleuropäische Männer. Heutige Einschätzungen beziehen auch Dirigentinnen und Dirigenten aus Lateinamerika, Asien und Osteuropa ein und hinterfragen, ob Schallplattenproduktivität ein sinnvoller Maßstab für Qualität ist.
- Welche Rolle spielen Dirigentinnen in der aktuellen Klassikszene?
- Eine wachsende. Joana Mallwitz, Mirga Gražinytė-Tyla und Karina Canellakis zählen zu den profiliertesten Dirigentinnen der Gegenwart. Strukturelle Hürden bestehen noch, aber das Bild hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich verändert.
- Warum sind manche Dirigenten über Jahrzehnte hinweg auf Bestenlisten präsent?
- Weil Tonaufnahmen Interpretationen konservieren und vergleichbar machen. Furtwängler, Karajan oder Carlos Kleiber sind durch ihre Aufnahmen präsent, nicht trotz ihres Todes. Außerdem etablieren kanonische Aufführungen Maßstäbe, an denen Nachfolger gemessen werden.
