Literatur

Das digitale Feuilleton: Eine Kritik der FAZ-Kulturberichterstattung

Eine essayistische Medienkritik: Wie verändert die Digitalisierung das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – und was geht dabei verloren?

faz.net - frankfurter allgemeine zeitung

Von Martin Mosebach · Musik-, Literatur- & Gesellschaftskritik (Feuilleton; alle drei Rubriken)

Wer heute faz.net – Frankfurter Allgemeine Zeitung aufruft, begegnet einer Institution im Umbau: einer Redaktion, die ihren Rang als intellektuelles Leitmedium der Bundesrepublik verteidigen will und dabei täglich neu verhandelt, was „Qualität" im Netz bedeutet. Das ist kein neutraler Befund, sondern der Ausgangspunkt einer Kritik.

Die Transformation von faz.net – Frankfurter Allgemeine Zeitung im digitalen Zeitalter

Es gibt Institutionen, deren bloßer Name ein Versprechen ist. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gehörte über Jahrzehnte dazu: Wer ihr Feuilleton aufschlug, durfte ein Urteil erwarten — kein Meinungspingpong, sondern die eine, begründete, anfechtbare Position. Marcel Reich-Ranicki schrieb dort Verisse, die Auflagenhöhen beeinflussten. Frank Schirrmacher entwickelte auf diesen Seiten Thesen, über die Deutschland wochenlang stritt. Das war keine Romantisierung der Vergangenheit; das war das Funktionieren einer Institution.

Die Frage, die faz.net heute stellt — oder besser: die sie aufwirft, ohne sie zu beantworten —, ist die des Formats. Ein Leitmedium des Printzeitalters ist nicht automatisch ein Leitmedium des Netzes. Die technischen Bedingungen sind andere: Scrollgeschwindigkeit statt Lesezeit, Aufmerksamkeitsspanne in Sekunden statt Minuten, algorithmische Sortierung statt redaktioneller Hierarchie. Die FAZ hat auf diese Bedingungen reagiert, aber die Frage bleibt offen, ob sie sich angepasst oder verändert hat — und ob das ein Unterschied ist.

Seit dem Relaunch der digitalen Plattform 2015 und den seitdem folgenden strukturellen Überarbeitungen hat faz.net schrittweise Elemente eingeführt, die man aus dem Boulevard kennt: Teasertexte, die mehr versprechen als der Artikel hält; Schlagzeilen, die auf Klickreflex zielen; Inhalte, die sich am Trending orientieren. Gleichzeitig hält die Redaktion an langen Analysen und anspruchsvollen Essays fest — ein Widerspruch, der das Medium kennzeichnet und von dem unklar ist, ob er kreativ fruchtbar oder strukturell lähmend ist. Den Kampf um die Deutungshoheit im Feuilleton führt die FAZ jedenfalls nicht mehr allein.

Frankfurter Allgemeine: Vom intellektuellen Leitmedium zum Klick-Garanten?

Die härteste Frage an die Frankfurter Allgemeine lautet: Ist das Feuilleton noch das, was es war? Die FAZ Nachrichten aktuell, also der tagesaktuelle Nachrichtenstrom auf faz.net, folgt zweifellos einer anderen Logik als das gedruckte Blatt. Artikel über Promi-Scheidungen, Klickstrecken über Luxusresidenzen, Ratgebertexte zur Urlaubsplanung — all das existiert heute auf derselben Domain, unter demselben Markennamen, wie die Großessays zur Lage der Demokratie oder die literarischen Porträts aus dem Reisebericht-Feuilleton.

Das ist kein Versehen, sondern eine Strategie. Die Digitalredaktion der FAZ arbeitet mit einem Reichweitenmodell, das Massenpublikum und Stammpublikum gleichzeitig bedienen soll. Theoretisch elegant; praktisch ist das eine Aufgabe, die kaum ein Medium je gelöst hat, ohne sich zu beschädigen. Der Guardian hat es versucht und zahlt bis heute den Preis in Form einer gespaltenen Redaktionskultureidentität. Die New York Times hat es versucht und ist dabei zu einem Aggregator mit gelegentlichen Glanzstücken geworden. Die FAZ versucht es, und man liest die Versuche.

Was man auf faz.net findet, ist ein Medium im Gleichgewichtsproblem: Auf der einen Seite Texte, die dem Ruf des Hauses gerecht werden — recherchierte, argumentativ durchgehaltene Stücke, die man auch in zwei Jahren noch lesen würde. Auf der anderen Seite ein Angebot, das vor allem eines will: dass man nicht wegklickt. Der Unterschied zwischen beiden ist nicht nur einer des Niveaus, sondern einer der impliziten Leserkonstruktion. Der erste Typ Text setzt einen Leser voraus, der Zeit hat und Ansprüche mitbringt. Der zweite setzt einen Leser voraus, der vielleicht gleich wieder geht — und den man mit möglichst wenig Widerstand halten will.

Der Wandel der Gesellschaftsberichterstattung: Zwischen Tiefe und Tempo

Die FAZ-Gesellschaft, also der ressortübergreifende gesellschaftliche Kommentar, den die Zeitung historisch geprägt hat, steht vor einem strukturellen Dilemma: Das Netz belohnt Tempo, Feuilleton belohnt Tiefe. Beides in einem Gefäß zu halten, erzeugt Druck.

Woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Text, der Tiefe simuliert, und einem, der sie hat? An den Kosten. Ein tief recherchierter, argumentativ dicht gewebter Essay kostet Zeit — des Autors, des Lektors, des Redakteurs, der das Stück redigiert und platziert. Im digitalen Umfeld, in dem Geschwindigkeit prämiert und Aufmerksamkeit durch Frequenz erzeugt wird, sind diese Kosten strukturell unter Druck. Das zeigt sich nicht in einem einzelnen schlechten Artikel, sondern in der schleichenden Verschiebung von Formaten: Weg vom langen Einzelessay, hin zur knapperen Kolumne; weg von der entwickelten Argumentation, hin zur pointierten Stellungnahme, die auf Twitter gut aussieht.

Bücher als Medium sind in dieser Verschiebung besonders exponiert. Die Literaturkritik der FAZ hatte einmal das Format des Portraits — nicht nur „Was ist dieses Buch?", sondern „Woher kommt es, was will es, was kann es?" Heute dominiert auf faz.net häufiger das knappere Format: Einschätzung in 600 Wörtern, Urteil am Ende, fertig. Das ist nicht nichts — aber es ist weniger. Bücher wie Seismographen ihrer Zeit zu lesen, erfordert mehr Raum, als das Netzformat gewöhnlich zugesteht.

Schnelle Kritik ist keine schlechte Kritik — aber sie ist eine andere. Wer das verwechselt, schreibt Rezensionen für die Ewigkeit und meint Tweets.

Andererseits wäre es unehrlich, nur die Verluste zu zählen. faz.net hat Möglichkeiten geöffnet, die Print nie hatte: Verlinkung von Primärquellen, unmittelbare Reaktionsfähigkeit auf Ereignisse, ein Archiv, das dauerhaft zugänglich und durchsuchbar ist. Diese Instrumente werden genutzt — ungleichmäßig, manchmal halbherzig, aber sie werden genutzt. Wenn die Frage lautet, ob das digitale Feuilleton der FAZ schlechter ist als das gedruckte, lautet die ehrliche Antwort: es ist gemischter. Und „gemischt" ist kein Lob, aber auch kein Todesurteil.

Die Struktur der Kritik: Das Feuilleton als Handwerk

Was oft übersehen wird, wenn über den Wandel des Feuilletons diskutiert wird: Kritik ist ein Handwerk mit erlernbaren Elementen. Sie beginnt bei der Beobachtung — genau, unvoreingenommen, geduldig. Sie entwickelt sich über die Einordnung — was ist der Kontext, die Tradition, der Maßstab? Sie gipfelt im Urteil — und ein Urteil ohne Begründung ist keine Kritik, sondern ein Reflex.

Dieses Handwerk ist im Netz unter Druck geraten, nicht weil Menschen es nicht mehr können, sondern weil die Plattformen es nicht mehr zeigen. Der klassische Aufbau einer Buchkritik folgt einer Logik, die sich am Leser orientiert: Erst heranführen, dann durchdringen, dann bewerten. Im Netz wird diese Logik häufig umgekehrt: Das Urteil steht im Titel, in der Schlagzeile, im Teaser — und der Text liefert im Rückblick die Begründung, oft unvollständig.

Laut einer Studie des Reuters Institute for the Study of Journalism (2023) verbringen Nutzer im Schnitt weniger als 60 Sekunden auf einem Nachrichtenartikel — und nur etwa 20 Prozent der Leser erreichen das Textende. Diese Zahlen gelten für Nachrichtenartikel; für lange Feuilletontexte ist die Verteilung noch steiler.

Was folgt daraus für ein Medium, das seinen Ruf auf dem Langformat gebaut hat? Entweder akzeptiert man, dass der Großteil der eigenen Leser nur den ersten Bildschirm liest — und schreibt für diesen Ausschnitt. Oder man schreibt für die zwanzig Prozent, die bis zum Ende lesen — und akzeptiert, dass man eine Minderheit anspricht. Die FAZ hat sich, soweit erkennbar, für eine Mischstrategie entschieden: Kurzes für die vielen, Langes für die wenigen. Das ist keine Feigheit, das ist Pragmatismus. Aber Pragmatismus ist nicht dasselbe wie eine redaktionelle Haltung.

Hinzu kommt das Problem der Stimme. Die klassische Feuilletonstimme der FAZ war unverwechselbar — nicht neutral, nicht moderat, nicht „ausgewogen" im modernen Sinne. Sie war parteiisch im besten Sinne: erkennbar positioniert, durchgehend im Ton, von einem einzelnen Urteilsvermögen getragen. Dieses Modell ist im Netz nicht verschwunden, aber es konkurriert mit der Erwartung der Plattformen, die Vielfalt über Tiefe stellt. Eine Redaktion mit dreißig Stimmen klingt nach weniger als eine mit fünf — auch wenn sie mehr sagt.

Fazit: Die Zukunft des digitalen Feuilletons

Was bleibt, wenn man die Befunde zusammenlegt? faz.net ist kein Niedergang — das wäre zu einfach. Es ist eine Zeitung, die in einer strukturellen Zwickmühle steckt, die sie nicht allein erzeugt hat und aus der sie auch nicht allein herausfindet. Das Netz hat die Bedingungen verändert, unter denen Qualitätsjournalismus produziert und konsumiert wird; die FAZ hat auf diese Veränderungen reagiert, wie alle Großredaktionen reagiert haben — mit einem Mehr an Formaten, einem Mehr an Kanälen, einem Mehr an Tempo.

Ob das die richtige Antwort ist, bleibt offen. Die Alternative — ein rigides Festhalten am Printmodell, das schlicht ins Netz übertragen wird — hat sich anderswo als Sackgasse erwiesen. Und doch ist die Sehnsucht nach der alten Eindeutigkeit, nach dem Feuilleton als Raum des gepflegten Streits ohne Klickzwang, keine reine Nostalgie. Sie benennt etwas Reales: dass nicht alles, was sich anpasst, sich verbessert.

Die Zukunft des digitalen Feuilletons auf faz.net liegt weder in der Imitation des Boulevards noch in der musealen Konservierung des Printmodells. Sie liegt, wenn überhaupt, in der Entscheidung: Wer sind wir, für wen schreiben wir, was sind wir bereit, nicht zu sein? Das ist keine editoriale Frage, das ist eine Frage der Haltung. Und Haltung — das haben die besten Jahrzehnte der Frankfurter Allgemeinen gezeigt — kann man nicht delegieren.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Wie hat sich das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durch die Digitalisierung verändert?
Das Feuilleton der FAZ hat sich von langen, argumentativ entwickelten Einzelessays hin zu kürzeren, schnelleren Formaten verschoben. Gleichzeitig existieren weiterhin anspruchsvolle Langstücke, was das Medium in einem strukturellen Widerspruch hält: Reichweitenstrategie und intellektueller Anspruch bedienen unterschiedliche Lesererwartungen.
Welche Rolle spielt faz.net für die aktuelle Kulturberichterstattung in Deutschland?
faz.net ist nach wie vor eine der meistzitierten Plattformen für Kulturberichterstattung im deutschsprachigen Raum. Die Marke trägt institutionelles Gewicht, das auf Jahrzehnten Feuilleton-Tradition beruht. Allerdings konkurriert dieses Prestige zunehmend mit einem breiteren, auf Klickreichweite ausgerichtetem Angebot auf derselben Domain.
Ist die Qualität der FAZ Nachrichten aktuell im Vergleich zur Print-Ausgabe gesunken?
Nicht pauschal gesunken, aber heterogener geworden. Die Printausgabe wählte stärker aus; das Netz erlaubt und erzwingt mehr Frequenz. Das Resultat ist ein gemischtes Angebot: Exzellente Texte und austauschbare Inhalte existieren nebeneinander, was die editoriale Handschrift verwässert.
Wie geht die Frankfurter Allgemeine mit dem Spannungsfeld zwischen Klickzahlen und intellektuellem Anspruch um?
Die FAZ fährt eine Doppelstrategie: kurze, leicht konsumierbare Inhalte für breite Reichweite, lange Analysen und Essays für das anspruchsvolle Stammpublikum. Diese Strategie ist pragmatisch, aber sie hinterlässt ein Identitätsproblem: Was die Marke ausmacht, wird durch die Mischung unschärfer, nicht schärfer.
Was bedeutet die digitale Transformation für die Struktur klassischer Buch- und Kulturkritiken?
Der klassische Aufbau einer Kulturkritik – Einführung, Einordnung, begründetes Urteil – gerät im Netz unter Druck. Plattformlogiken belohnen ein Urteil, das bereits im Titel steht, und einen Text, der den Leser im ersten Absatz hält. Das verschiebt die Kritik weg vom Argument und hin zur Behauptung.