Von Martin Mosebach · Musik-, Literatur- & Gesellschaftskritik (Feuilleton; alle drei Rubriken)
Am Abend des 16. Oktober 2023 stand im Kaisersaal des Frankfurter Römers ein junger österreichischer Autor auf dem Podium, der wenige Jahre zuvor noch als Sportjournalist gearbeitet hatte. Tonio Schachinger, Jahrgang 1992, ist der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2023 — ausgezeichnet für seinen Roman Echtzeitalter, eine kompromisslose Abrechnung mit dem Internatssystem und der Frage, was Bildung unter dem Regime der digitalen Omnipräsenz überhaupt noch bedeuten kann. Dass diese Entscheidung mehr war als die Prämierung eines gelungenen Erstlingswerks, soll im Folgenden gezeigt werden.
Die Krönung im Kaisersaal: Deutscher Buchpreis 2023 Gewinner
Der Deutsche Buchpreis ist kein gewöhnlicher Literaturpreis. Er wird jährlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse verliehen, im mittelalterlichen Kaisersaal des Römers, von der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestifteten Jury, und er ist mit 25.000 Euro dotiert — die fünf Shortlist-Autoren erhalten je 2.500 Euro, unabhängig vom Ausgang. Doch der eigentliche Wert liegt nicht im Preisgeld, das für einen Romancier, der ein Jahr oder länger an einem Buch gearbeitet hat, bescheiden wirkt. Er liegt im Schaufenstereffekt: Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2023 konnte sich in den Wochen nach der Vergabe auf Absatzzahlen gefasst machen, die den meisten Romanen verwehrt bleiben.
Tonio Schachinger gewann mit Echtzeitalter — und die Überraschung in den Kommentarspalten der Feuilletons war bemerkenswert groß. Nicht weil das Buch als schwach galt, im Gegenteil. Sondern weil auf der Shortlist Werke standen, denen die kritische Öffentlichkeit mehr Preisträgerwürde zuzusprechen schien. Das Missverhältnis zwischen medialem Favorit und juristischer Entscheidung ist selten so deutlich aufgetreten wie in diesem Jahr — und lohnt deshalb genauere Betrachtung.
Für die Bedeutung von Literaturpreisen im deutschsprachigen Kulturbetrieb ist der Deutsche Buchpreis ein besonders instruktives Beispiel: Er operiert an der Schnittstelle von verlegerischen Interessen, literarischer Wertung und publizistischer Sichtbarkeit.
Von der Longlist zum Triumph: Der Weg von ‘Echtzeitalter’
Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 umfasste, wie in jedem Jahr, zwanzig Romane — ausgewählt aus mehreren Hundert Einreichungen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schachingers Echtzeitalter stand bereits auf dieser Liste, was für sich genommen keine Sensation ist; ein Rowohlt-Roman von einem jungen Autor mit erstem Kritikerlob wird gern aufgenommen. Die eigentliche Weichenstellung kam mit der Shortlist.
Die sechs Bücher, die es auf die engere Auswahl für den Deutschen Buchpreis 2023 schafften, bildeten ein außergewöhnlich heterogenes Feld: Neben Schachingers Internatsroman stand Terézia Moras Muna oder Die Hälfte des Lebens, ein Beziehungsroman, der mit Fug und Recht als das reifste Werk der Liste gelten konnte. Dazu gesellten sich Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter, Necati Öziris Vatermal, Martha Hubers Die Kriegerin und Sylvie Schenks Maman. Sechs Bücher, sechs völlig verschiedene Zugriffe auf die Frage, wie Prosa heute beschaffen sein kann.
Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 war in ihrer Breite eine leise Aussage: über den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ihre Themen — Familiennarrative, Migrationsgeschichten, Bildungskritik — und ihre formalen Eigenheiten. Dass am Ende Schachinger gewann, dessen Roman sich durch eine ungewöhnlich hohe Lesegeschwindigkeit, knappe Sätze und eine kluge Nutzung von Fußnotenkommentaren auszeichnet, hat die literaturpublizistische Debatte mehr als jede andere Entscheidung der jüngeren Preisgeschichte polarisiert.
Literaturpreise in Deutschland: Ein Seismograph der Kultur
Der Deutsche Buchpreis ist das bekannteste, aber bei weitem nicht das einzige Instrument, mit dem der deutschsprachige Literaturbetrieb sich selbst beobachtet und bewertet. Literaturpreise in Deutschland bilden ein dichtes Netz: Der Georg-Büchner-Preis, vergeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gilt als die renommierteste Auszeichnung für das Lebenswerk — er ist kein Jahrespreis, sondern eine Art Weihe. Der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ist ein Live-Wettbewerb, bei dem Autorinnen und Autoren unveröffentlichte Texte vorlesen und sofortige Jurydiskussion erleben — ein Format, das die Rohheit des literarischen Urteils sichtbar macht wie kein anderes. Der Preis der Leipziger Buchmesse schließlich betont den Frühjahrstermin, was ihm eine andere Saisonalität gibt als dem Frankfurter Herbstpreis.
Was unterscheidet den Deutschen Buchpreis von allen diesen? Seine explizit marktbezogene Funktion. Er wurde 2005 eingeführt und orientiert sich strukturell am britischen Booker Prize: Der Gewinner soll nicht nur literarisch bedeutsam sein, er soll auch Leser gewinnen. Die Jury wird jedes Jahr neu zusammengesetzt — sieben Mitglieder aus Buchhandel, Presse und Verlagswesen — was das Verfahren gleichzeitig demokratisiert und anfällig für Gruppenentscheidungen macht, wie jede temporäre Kommission.
Für die klassische Buchkritik stellt sich beim Deutschen Buchpreis stets die Frage nach dem Verhältnis von juristischer Entscheidung und kritischer Rezeption: Kein Preis verleiht einem Buch nachträglich literarische Qualität; er lenkt lediglich Aufmerksamkeit — mit aller Macht und aller Unvollkommenheit, die das mit sich bringt.
Kein Preis verleiht einem Buch nachträglich literarische Qualität; er lenkt lediglich Aufmerksamkeit — mit aller Macht und aller Unvollkommenheit, die das mit sich bringt.
Analyse: Warum Schachingers Werk die Jury überzeugte
Echtzeitalter handelt von Till, einem Teenager an einem Wiener Eliteinternat, der sich mit dem Widerspruch herumschlägt, Football-Videospiele — vor allem das Franchise EA Sports FC, ehemals FIFA — auf absolutem Weltklasseniveau zu spielen, während die institutionelle Bildung um ihn herum ihn kaum tangiert. Der Roman ist kein Videospielroman in dem Sinn, dass er Gamingkultur erklärt oder verteidigt; er benutzt das Spiel als Spiegel, um die Bildungsinstitution danebenzuhalten und das Ergebnis des Vergleichs unverhüllt stehen zu lassen.
Was die Jury überzeugt haben dürfte — und was in der Jurybegründung anklingt — ist Schachingers Entscheidung, formal aus der Vogelperspektive zu erzählen, dabei aber gleichzeitig nah an Tills innerer Ökonomie zu bleiben. Das Mittel der Fußnoten, die im Roman keine Quellenangaben sind, sondern ironische Kommentare, Diggressionen und Korrekturen, verleiht dem Text eine zweite Stimme, die das Erzählte permanent unterläuft. Das ist kein neues Verfahren — Bolaño hat es gekannt, Wallace hat es zur Exzentrik gesteigert —, aber es ist hier zielgenau eingesetzt: Die Fußnoten markieren die Distanz zwischen dem erlebenden Till und dem erinnernden Erzähler, ohne diese Distanz je sentimental zu überbrücken.
Tonio Schachinger: Echtzeitalter (2023, Rowohlt Verlag) — verkaufte in den ersten sechs Wochen nach der Preisverleihung über 100.000 Exemplare. Der Roman stand 14 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Dazu kommt die gesellschaftliche Resonanz des Themas. Die Frage, was Bildung bedeutet, wenn digitale Parallelwelten mehr Kompetenz fordern und mehr Belohnung bieten als der Schulunterricht, ist keine akademische. Sie bewegt Eltern, Lehrerinnen, Kulturpolitikerinnen. Schachinger hat diese Frage nicht als These formuliert — das wäre Roman-Journalismus —, sondern sie dramatisiert: in einem Milieu, das er aus eigener Anschauung kennt, mit Figuren, die keine Typen sind, und in einer Sprache, die sich ihrer Geschwindigkeit bewusst ist.
Ob das reichte, um das eindrücklichere Buch des Jahres zu sein? Darüber lässt sich streiten. Mora und Özdamar haben Romane vorgelegt, die tiefer in die Substanz der deutschen Sprache hineintauchen, die mehr riskieren im Sinne einer formalen Infragestellung erzählerischer Konventionen. Doch Jurys entscheiden nicht im luftleeren Raum der Ästhetik. Sie entscheiden im Moment, in einer Zusammensetzung, unter dem Eindruck gemeinsamer Lektüre und Diskussion.
Der Deutsche Buchpreis im Wandel der Zeit
Neunzehn Mal wurde der Deutsche Buchpreis bisher vergeben — von Arno Geiger im Gründungsjahr 2005 über Julia Franck, Melinda Nadj Abonji, Eugen Ruge und Jenny Erpenbeck bis hin zu Kim de l’Horizon im Jahr 2022, deren Auftritt auf dem Podium im Kaisersaal eine eigene kulturpolitische Debatte auslöste. Die Liste der Gewinnerinnen und Gewinner ist ein Kompendium deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, mit allen Stärken eines solchen Unternehmens — und mit seinen blinden Flecken.
Auffällig ist, wie stark der Preis in seiner Geschichte österreichische und Schweizer Stimmen ausgezeichnet hat: Geiger, Nadj Abonji, Haslinger, Mora — und nun Schachinger. Das mag Zufall sein, spiegelt aber auch den Reichtum der nicht-deutschen Spielarten des Deutschen wider. Die Sprache ist größer als die Nation, und der Buchpreis hat das, bei aller Frankfurter Lokationslogik, nicht vergessen.
Was bleibt vom Deutschen Buchpreis 2023? Ein Buch, das gelesen wird — und das ist, bei aller berechtigten Kritik an der Preisindustrie, nicht wenig. Schachingers Echtzeitalter hat durch die Auszeichnung ein Publikum gefunden, das den Roman andernfalls vielleicht nicht entdeckt hätte. Ob dieser Befund das Urteilen über literarische Qualität ersetzen kann, ist eine andere Frage. Aber er ist eine ehrliche Antwort auf die ehrliche Frage nach dem Sinn von Literaturpreisen in Deutschland.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Wer hat den Deutschen Buchpreis 2023 gewonnen?
- Den Deutschen Buchpreis 2023 gewann der österreichische Autor Tonio Schachinger für seinen Roman ‘Echtzeitalter’, erschienen im Rowohlt Verlag. Die Preisverleihung fand am 16. Oktober 2023 im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.
- Welche Romane standen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023?
- Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 umfasste sechs Romane: ‘Echtzeitalter’ von Tonio Schachinger, ‘Muna oder Die Hälfte des Lebens’ von Terézia Mora, ‘Lügen über meine Mutter’ von Daniela Dröscher, ‘Vatermal’ von Necati Öziri, ‘Die Kriegerin’ von Martha Huber sowie ‘Maman’ von Sylvie Schenk.
- Wie hoch ist das Preisgeld für den Gewinner des Deutschen Buchpreises?
- Der Gewinner des Deutschen Buchpreises erhält 25.000 Euro. Die fünf weiteren Autorinnen und Autoren auf der Shortlist erhalten jeweils 2.500 Euro, unabhängig davon, wer die Auszeichnung gewinnt.
- Welches Buch von Tonio Schachinger wurde ausgezeichnet?
- Ausgezeichnet wurde der Roman ‘Echtzeitalter’ (Rowohlt Verlag, 2023). Das Buch erzählt von einem Teenager an einem Wiener Eliteinternat, der ein Fußballvideospiel auf Weltklasseniveau spielt, und verhandelt dabei grundlegende Fragen über Bildung und digitale Lebenswelten.
- Nach welchen Kriterien wählt die Jury den Gewinner aus?
- Die siebenköpfige Jury des Deutschen Buchpreises, die jedes Jahr neu zusammengesetzt wird und Mitglieder aus Buchhandel, Presse und Verlagswesen umfasst, bewertet literarische Qualität, gesellschaftliche Relevanz und die Leseeignung für ein breites Publikum. Es gibt kein festes Punktesystem; die Entscheidung fällt nach gemeinsamer Diskussion.
