Musik

Die schönsten Klavierkonzerte jenseits des Kanons

Vom Beethoven-Klavierkonzert bis zu Ligeti: Eine feuilletonistische Reise durch die schönsten Klavierkonzerte diesseits und jenseits des Kanons.

die schönsten klavierkonzerte

Von Martin Mosebach · Musik-, Literatur- & Gesellschaftskritik (Feuilleton; alle drei Rubriken)

Die schönsten Klavierkonzerte kennt jeder — oder glaubt es zu kennen. Mozarts d-Moll-Konzert KV 466, Beethovens „Empereur", Rachmaninows Zweites: Diese Werke sind so tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben, dass selbst Menschen, die nie ein Konzert besucht haben, ihre Eröffnungstakte erkennen. Aber der Kanon ist keine Naturgewalt, er ist eine Entscheidung — und wie alle Entscheidungen blendet er aus, was er nicht einschließt. Ein Streifzug durch die Geschichte des Klavierkonzerts, der die vertrauten Gipfel nicht ignoriert, aber auch die Täler lohnenswert findet.

Die Ästhetik des Klavierkonzerts: Zwischen Virtuosität und Dialog

Das Klavierkonzert ist eine der merkwürdigsten Gattungen der abendländischen Musik. Es stellt ein einzelnes Instrument einem ganzen Ensemble entgegen — und behauptet, das sei kein Kampf, sondern ein Gespräch. Diese Spannung zwischen Solist und Orchester, zwischen individuellem Ausdruck und kollektivem Klang, ist das eigentliche Thema jedes Klavierkonzerts, gleichgültig, ob es Mozart oder Ligeti geschrieben hat.

Die Gattung hat ihre Wurzeln im barocken Concerto grosso, wo kleine Solistengruppen mit einem größeren Ensemble abwechselten. Erst mit dem Übergang zur Klassik — und entscheidend durch Wolfgang Amadeus Mozart — wurde das Klavierkonzert zu dem, was wir heute darunter verstehen: ein großes Dreiaktsatzwerk, das dem Solisten Raum für Kadenzen, für auskomponierte Improvisation, für den Moment gibt, in dem die Gemeinschaft schweigt und eine einzige Stimme spricht.

Was dabei oft übersehen wird: Die frühe Verbindung zwischen Klavier und einem kleineren, transparenten Ensemble blieb produktiv. Klavierkonzerte im Kammerorchester klingen anders als symphonische Schlachten — intimer, kontrapunktischer, oft intellektuell fordernder. Mozarts späte Konzerte, besonders KV 482 in Es-Dur oder das unverdient selten gespielte KV 449 in E-Dur, zeigen genau diese Qualität: Das Klavier tritt nicht als Sieger hervor, es tritt in Beziehung.

Die Virtuosität, die den Konzertbetrieb des 19. Jahrhunderts dominierte — und bis heute als Maßstab gilt —, ist nur eine Möglichkeit, diese Spannung aufzulösen: durch Überwältigung. Der Solist siegt. Aber die interessanteren Klavierkonzerte sind oft jene, die gar nicht gewinnen wollen.

Berühmte Klavierkonzerte und ihre weniger bekannten Schatten

Beethovens fünf Klavierkonzerte gelten zu Recht als Eckpfeiler der Gattung. Das Fünfte, der „Empereur", ist dabei das lauteste Denkmal — so grandios in seiner Geste, dass es leicht die übrigen vier überschattet. Dabei ist das Vierte Konzert in G-Dur, op. 58, das eigentlich Revolutionäre: Es beginnt mit dem Klavier allein, was 1808 eine Ungeheuerlichkeit war. Das Orchester antwortet — aber in einer anderen Tonart. Ein Gespräch, das auf Unverständnis reagiert. Der zweite Satz dieses Konzerts, ein düsterer Dialog zwischen staccato-stampfendem Orchester und einer singenden, bittenden Klavierstimme, ist eines der ergreifendsten Stücke, die Beethoven je geschrieben hat, und wird von keinem seiner Sinfoniesätze übertroffen.

Das Beethoven Klavierkonzert, das am seltensten gespielt wird, ist das Erste — chronologisch eigentlich das zweite. Es ist unfertig in seiner Kühnheit, zu lang, zu reich an Einfällen. Genau das macht es lebendig.

Neben dem Beethoven-Kanon verliert sich häufig Johann Nepomuk Hummel, dessen a-Moll-Klavierkonzert op. 85 aus dem Jahr 1816 zu Lebzeiten weitaus öfter gespielt wurde als Beethovens Konzerte. Hummel war Mozarts Lieblingsschüler, ein Virtuose von Weltruf und ein Melodiker von bezwingender Natürlichkeit. Sein Konzert ist kein Schatten von Beethoven — es ist eine andere Antwort auf dieselbe Frage, fließender im Cantabile, weniger dramatisch, aber nicht weniger durchdacht. Die Musikwelt des frühen 19. Jahrhunderts hörte ihn; wir sollten damit anfangen, ihn wiederzuhören.

Ähnliches gilt für Muzio Clementi, für John Field — der das Nocturne erfand, bevor Chopin es zur Hochform führte — und für Carl Maria von Weber, dessen Konzertstück f-Moll die Grenze zwischen Konzert und sinfonischer Dichtung so radikal auflöst, dass man sich fragt, warum es nicht öfter gespielt wird.

Romantische Sehnsucht: Das Edvard Grieg Klavierkonzert und seine Erben

Das Edvard Grieg Klavierkonzert in a-Moll op. 16 ist eines der wenigen romantischen Klavierkonzerte, das wirklich jeder kennt — und das deshalb häufig unterschätzt wird. Grieg schrieb es 1868, mit fünfundzwanzig Jahren, in Kopenhagen. Die Eröffnungsgeste — ein Paukenwirbel, ein abstürzender Lauf über nahezu vier Oktaven — ist seither zur Signatur des romantischen Klavierkonzerts schlechthin geworden.

Der Vergleich mit Schumanns a-Moll-Konzert liegt strukturell nahe: gleiche Tonart, ähnliche Dreisätzigkeit, vergleichbare Intimität zwischen Solist und Orchester. Schumann schrieb sein Konzert 1845, Grieg kannte es gut. Aber die Verwandtschaft ist oberflächlicher als oft behauptet. Schumanns Konzert ist in seinem Kern lyrisch; es singt auch dort, wo es technisch fordert. Griebs Konzert hingegen trägt in sich etwas Herberes, etwas, das man nur als norwegisch bezeichnen kann, ohne dass das nach Folklore klingen soll: eine harmonische Sprache, die Terzverwandtschaften liebt, die in Molltönen nicht trauert, sondern leuchtet.

Die Erben dieser romantischen Sehnsucht sind zahlreicher und überraschender als der Konzertbetrieb vermuten lässt. Aram Chatschaturjans Klavierkonzert Des-Dur von 1936 klingt zunächst wie sowjetische Großgestik, entfaltet aber im langsamen Satz eine armenische Melancholie von unwiderstehlicher Wärme. Nikolai Medtners drei Klavierkonzerte — besonders das zweite in c-Moll op. 50 — vereinen die Komplexität des späten Brahms mit einer Klangsprache, die nirgendwo sonst existiert: dicht, eigensinnig, von bezwingender innerer Logik.

Romantic longing in a piano concerto is not nostalgia for a simpler world — it is the refusal to accept that the present is all there is.

Karol Szymanowskis Symphonie Concertante op. 60, sein zweites Klavierkonzert, ist ein Werk des Jahres 1932, das klingt, als hätte jemand Debussy mit orientalischer Musik und einem polnischen Bergdorf in einen Destillierkolben gegeben. Es ist eines der schönsten Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts und wird außerhalb Polens kaum je gespielt.

Moderne Brüche: Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts

Mit der Moderne zerfiel die Form — und das war produktiv. Die Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts sind kein einheitliches Korpus, sondern eine Arena konkurrierender Antworten auf die Frage: Was bedeutet es noch, ein Piano Konzert zu schreiben, wenn die tonale Sprache zerbrochen ist?

Béla Bartóks drei Klavierkonzerte markieren diese Spannung mit äußerster Präzision. Das zweite Konzert von 1931 ist eines der technisch anspruchsvollsten Werke der Gattung: Sein erster Satz verzichtet fast gänzlich auf Streicher, der zweite schreibt dem Solisten und den Perkussionisten nächtliche, filigrane Strukturen ins Notenblatt. Es ist ein hartes, unbequemes Stück — und ein zutiefst ergreifendes dazu, wenn man sich ihm nicht verweigert.

Sergei Prokofjews fünf Klavierkonzerte zeigen, dass Modernität nicht Kälte bedeuten muss. Das Dritte in C-Dur op. 26 von 1921 ist von so überschäumender Energie und so unverfrorenem melodischem Erfindungsreichtum, dass man es kaum als Avantgarde-Werk hört — und das ist das Geheimnis seiner Wirkung. Es ist zugleich witzig und brillant, perkussiv und lyrisch, und es macht beim Hören schlicht Freude, was man von manchen Werken seiner Epoche nicht sagen kann.

Bartóks 2. Klavierkonzert (1931): Uraufführung in Frankfurt am Main — mit Bartók selbst als Solist. Proben: 17. Aufführungen bis 1945: weniger als 10. Heute: Standardrepertoire für Solistinnen auf dem Niveau eines Finales beim Leeds International Piano Competition.

György Ligetis Klavierkonzert von 1988 schließlich ist ein Werk, das sich jedem Vergleich entzieht. Es klingt wie mehrere Uhren, die gleichzeitig laufen, keine davon synchronisiert. Die polymetrische Komplexität ist keine Effekthascherei: Sie erzeugt eine akustische Wirklichkeit, die es außerhalb von Ligetis Musik nicht gibt. Es ist das Piano Konzert als Kosmologie.

Wiederentdeckungen: Warum wir jenseits des Kanons hören sollten

Der Kanon hat eine Logik. Er aggregiert Meisterwerke, macht sie lehrbar, setzt Standards. Aber er aggregiert auch — und das ist sein heimliches Geschäft — Überzeugungen darüber, was sich zu hören lohnt und was nicht. Dabei wirken Kräfte, die mit ästhetischer Qualität wenig zu tun haben: Verlagsinteressen, Nationalismus, die Agenda von Festivalleitern, die Trägheit von Konzertagenturen.

Die schönsten Klavierkonzerte des Repertoires sind nicht alle kanonisch — und die kanonischen sind nicht immer die schönsten. Clara Schumanns a-Moll-Konzert op. 7, entstanden 1835/36, als sie noch nicht zwanzig Jahre alt war, ist heute immerhin häufiger zu hören als vor dreißig Jahren, aber noch lange nicht so oft wie es verdiente. Es ist kein Frühwerk in dem Sinne, dass man ihm Unreife nachsehen müsste — es ist ein vollständiges Kunstwerk, klug in seiner Form, warm in seinem Ton.

Louise Farrenc, Amy Beach, Germaine Tailleferre — für Komponistinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist die Wiederentdeckung noch im Gange. Das ist kein sentimentaler Akt der Wiedergutmachung, sondern schlicht Neugier: Musik, die nicht gespielt wurde, ist ungehört, nicht unbrauchbar.

Auch innerhalb des männlichen Kanons gibt es Rehabilitierungen zu leisten. Ferruccio Busonis Klavierkonzert op. 39 von 1904 mit seinem abschließenden Männerchor ist das monströseste Klavierkonzert der Literatur — sieben Sätze, neunzig Minuten, ein Mittelsatz von brahmsianischer Dichte und ein Finale, das Bach und orientalische Melodik mit großer Geste zusammenzwingt. Es ist das berühmteste unbekannte Klavierkonzert der Welt, und wer es einmal gehört hat, fragt sich, warum die Säle nicht voll sind.

Die Antwort liegt im Kanon selbst: Was drin ist, bleibt drin. Was draußen ist, kommt schwer wieder hinein. Das ist keine Naturgewalt — aber so behandeln wir ihn meistens. Ein Feuilleton über die schönsten Klavierkonzerte hat keine andere Pflicht, als daran zu erinnern, dass die Türen nicht verschlossen sind.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Welche Klavierkonzerte gelten als die technisch anspruchsvollsten?
Zu den technisch schwierigsten Klavierkonzerten zählen Bartóks Zweites Klavierkonzert, Brahms’ Zweites in B-Dur, Rachmaninows Drittes in d-Moll sowie Ligetis Klavierkonzert von 1988. Sie stellen nicht nur motorische Virtuosität, sondern auch höchste rhythmische und polyphone Präzision an den Solisten.
Welches Beethoven Klavierkonzert ist am bekanntesten?
Das bekannteste Beethoven Klavierkonzert ist das Fünfte in Es-Dur op. 73, der sogenannte ‘Empereur’. Es steht für Beethovens heroische Periode und ist ein Standardwerk im Repertoire großer Solisten. Ästhetisch interessanter ist vielen Interpreten jedoch das Vierte in G-Dur op. 58 mit seinem außergewöhnlich intimen zweiten Satz.
Was unterscheidet ein Klavierkonzert von einer Klaviersonate?
Eine Klaviersonate ist ein Werk ausschließlich für das Soloinstrument, während ein Klavierkonzert einen Solisten mit einem Orchester kombiniert. Das Konzert lebt vom Dialog zwischen Einzelstimme und Ensemble; die Sonate entwickelt ihre Dramaturgie allein aus dem Inneren des Instruments heraus.
Warum wird das Edvard Grieg Klavierkonzert so oft mit Schumann verglichen?
Beide Konzerte stehen in a-Moll, sind dreisätzig und teilen eine lyrische, intimate Grundhaltung. Grieg kannte Schumanns Konzert gut und hat sich strukturell daran orientiert. Dennoch unterscheiden sie sich wesentlich: Schumanns Konzert ist durch und durch melodisch-romantisch, während Griegs Konzert eine herbere, harmonisch eigenständige Sprache mit nordischen Terzverwandtschaften spricht.
Gibt es moderne Klavierkonzerte, die zum Standardrepertoire gehören?
Ja: Prokofjews Drittes Klavierkonzert in C-Dur op. 26 und Bartóks Zweites und Drittes Konzert sind feste Bestandteile des Konzertrepertoires. Auch Schostakowitschs Zweites Klavierkonzert in F-Dur wird regelmäßig gespielt. Ligetis Klavierkonzert gilt als Schlüsselwerk der Avantgarde, ist aber für Orchester aufwendig und daher seltener zu erleben.