Von Martin Mosebach · Musik-, Literatur- & Gesellschaftskritik (Feuilleton; alle drei Rubriken)
Der Berliner Philharmoniker Chef ist keine bloße Stellenbezeichnung — er ist eine kulturhistorische Figur, an der sich der Zustand der europäischen Hochkultur ablesen lässt. Seit Kirill Petrenko im Jahr 2019 offiziell das Pult übernahm, stellt sich die Frage neu, was diese Position bedeutet: Erbe, Experiment oder beides zugleich?
Die Ära Kirill Petrenko: Ein neuer Geist am Pult
Es gibt Momente, in denen ein Dirigentenwechsel mehr ist als eine Personalentscheidung. Als die Berliner Philharmoniker im Jahr 2015 abstimmten und Kirill Petrenko zum künftigen Berliner Philharmoniker Chef wählten, herrschte in Fachkreisen zunächst Staunen — nicht über den Mann selbst, den Kenner längst schätzten, sondern über den Kontrast zu allem, was man von dieser Position gewohnt war. Kein Medienstar, kein Selbstvermarkter. Ein Dirigent, der Interviews meidet, keine Social-Media-Präsenz pflegt und dessen Name den meisten Konzertbesuchern seinerzeit kaum geläufig war.
Petrenko, 1972 in Omsk geboren, hatte seine Karriere in den Opernhäusern Europas gemacht — in Weimar, Berlin (als Generalmusikdirektor der Komischen Oper), vor allem aber in München, wo er das Nationaltheater zwischen 2013 und 2021 auf ein Niveau hob, das Kritiker mit den besten Phasen unter Wolfgang Sawallisch verglichen. Sein Parsifal, sein Elektra-Zyklus, sein Ring: alles Arbeiten, die den engen Kreis der Wagner-Kenner elektrisiert hatten, ohne je in die Breitenöffentlichkeit zu dringen.
Diese Zurückhaltung ist kein Defizit, sondern Programm. Petrenko versteht das Amt des Kirill Petrenko als Ersten unter Gleichen, nicht als Alleinherrscher. Er probt akribisch, kommuniziert auf Augenhöhe, und die Mitglieder des Orchesters berichten von einer Arbeitsatmosphäre, in der Details mit einer Präzision verhandelt werden, die man eher von einem Kammermusikensemble erwarten würde. Die Ergebnisse sind auf der Deutschen Grammophon dokumentiert: Aufnahmen von Beethovens Sinfonien, die sich durch rhythmische Schärfe und dynamische Differenzierung auszeichnen — fern von jeder Weihrauchschwere.
Ein Blick auf die besten Dirigenten der Nachkriegszeit zeigt, wie ungewöhnlich dieser Einstieg ist. Denn die Berliner Philharmoniker waren stets auch ein Spiegel der jeweiligen Dirigentenkultur ihrer Zeit.
Historische Meilensteine: Von Bülow bis Karajan
Die Geschichte der Chefdirigenten des Orchesters liest sich wie ein Kompendium der europäischen Musikgeschichte. Hans von Bülow — Pianist, Dirigent, Schwiegersohn Liszts und zeitweise Ehemann Cosimas, die er an Wagner verlor — gründete mit den Berliner Philharmonikern ab 1887 die Praxis des modernen Konzertbetriebs mit. Er war der erste, der systematisch probenintensiv arbeitete und das Orchester nicht als begleitende Kulisse, sondern als eigenständigen Klangkörper behandelte.
Auf Bülow folgte Arthur Nikisch, ein Ungar, der 27 Jahre lang — bis zu seinem Tod 1922 — das Orchester prägte und als erster Dirigent überhaupt Schallplattenaufnahmen einspielte. Die Aufnahmen aus dem Jahr 1913 existieren noch, klanglich schwer zumutbar, aber historisch unschätzbar. Dann Wilhelm Furtwängler, dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus die Nachwelt bis heute beschäftigt und dessen interpretatorische Tiefe gleichwohl unerreicht bleibt — ein Widerspruch, den die Epoche der Klassik in ihrer ganzen Komplexität erst sichtbar macht.
Und schließlich Herbert von Karajan: 33 Jahre, von 1956 bis 1989, die er als uneingeschränkter Souverän regierte. Karajan war nicht nur Dirigent, sondern Medienunternehmer — der erste klassische Musiker, der den Schallplattenmarkt wie ein Label-Chef verstand, der selbst über Kamerawinkel entschied, der den Begriff des „Klangs der Berliner" nicht nur dirigentisch, sondern markenstrategisch definierte. Die Zahl seiner Studioaufnahmen geht in die Hunderte, sein Einfluss auf den Orchesterklang war so prägend, dass Musiker noch Jahrzehnte nach seinem Abgang von ihm sprachen.
Claudio Abbado (1990–2002) und Simon Rattle (2002–2018) brachten je eigene Signaturen mit: Abbado die italianità und eine Offenheit für das 20. Jahrhundert, Rattle die Bereitschaft, das Publikum zu verjüngen, Education-Programme zu etablieren und popkulturelle Referenzen nicht zu scheuen.
Die Wahl des Chefdirigenten: Ein demokratisches Unikat
Was das Berliner Orchester von beinahe allen vergleichbaren Institutionen der Welt unterscheidet, ist das Wahlprinzip. Die Berliner Philharmoniker sind eine selbstverwaltete Körperschaft — gegründet 1882 als Genossenschaft der Musiker selbst, nachdem Benjamin Bilse seine Kapelle verlassen hatte. Die Orchestermitglieder wählen ihren Berliner Philharmoniker neuer Chef in einer geheimen Abstimmung selbst.
Kein Intendant, kein Kultursenator, kein Sponsor hat dabei das letzte Wort. Das ist mehr als eine institutionelle Kuriosität: Es bedeutet, dass der Gewählte nicht die Erwartungen eines Verwaltungsrats erfüllen muss, sondern das Vertrauen von über hundert hochqualifizierten Musikern gewonnen haben muss — Menschen, die selbst nach Weltklassestandards urteilen und die den Kandidaten aus Proben und Konzerten kennen.
Bei Petrenkos Wahl 2015 soll es mehrere Wahlgänge gebraucht haben. Christian Thielemann, der deutschen Feuilletons liebster Wagner-Dirigent und stilistisch ein durchaus plausibler Kandidat, soll ebenfalls zur Wahl gestanden haben. Dass die Philharmoniker Petrenko vorzogen, wird oft als Votum für eine bestimmte Qualität der Zusammenarbeit gelesen: weniger Autorität, mehr Dialog.
Dieser Mechanismus schützt das Orchester vor Fehlbesetzungen durch externe Entscheider — aber er birgt auch Risiken. Interne Machtverhältnisse, Fraktionsbildungen, persönliche Antipathien können eine Rolle spielen. Das Ergebnis ist gleichwohl bemerkenswert: Kaum eines der anderen Spitzenorchester der Welt kann auf eine ähnlich konsistente künstlerische Qualität über mehr als ein Jahrhundert verweisen.
Petrenkos Stil vs. Karajan: Feuilletonistische Einordnung
Ein Vergleich zwischen Petrenko und Herbert Karajan mag unfair wirken — zu groß ist die zeitliche Distanz, zu unterschiedlich die mediale Welt, in der sie agieren. Dennoch ist er aufschlussreich, weil er zeigt, was sich an der Position des Berliner Philharmoniker Chef verändert hat und was geblieben ist.
Karajan war ein Dirigent der großen Linie. Seine Interpretationen — ob Brahms, Bruckner oder Beethoven — bevorzugten das Legato, das Fließende, das Einhüllende. Die Philharmoniker unter Karajan klingen auf Aufnahmen wie ein Instrument aus einem Guss: makellos, edel, leicht entpersonalisiert. Die Streicher ziehen breite Bögen, die Bläser intonieren mit einer Gleichmäßigkeit, die ins Unnatürliche grenzt. Der Klang ist Produkt, nicht Prozess.
Petrenko arbeitet anders. Er interessiert sich für Brüche, für das Unstete, für den Moment, in dem Beethoven — oder Mahler, oder Schostakowitsch — aus der Form ausbricht. In seiner Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien für die Deutsche Grammophon, eingespielt 2019 und 2020, klingen die Sforzati, als hätte man in ein Spinnrad gegriffen. Die Tempi sind nicht langsam, sie sind präzise — ein Unterschied, der hörbar wird, sobald man beide Einspielungen nebeneinanderstellt.
Karajan formte den Klang; Petrenko befragt ihn.
Das ist nicht nur eine ästhetische, sondern eine epistemische Differenz. Karajan glaubte an die Vollendung; Petrenko scheint der Meinung zu sein, dass Vollendung der Tod der Interpretation ist. Für einen Vergleich mit anderen bedeutenden Symphonieorchestern Europas zeigt sich: Dieser interpretatorsiche Ansatz ist keineswegs selbstverständlich für ein Orchester mit einem derart imposanten Vermächtnis.
Was bleibt konstant: die schiere Qualität der Ensembleleistung. Ob Furtwängler, Karajan oder Petrenko — die Berliner Philharmoniker spielen auf einem Niveau, das anderen Orchestern strukturell nicht erreichbar ist, weil kein anderes Ensemble über Jahrzehnte eine ähnliche Dichte an Weltklasse-Individuen anziehen, halten und integrieren konnte.
Das Erbe der Chefdirigenten im digitalen Zeitalter
Die Berliner Philharmoniker haben früh begriffen, dass das Konzerthaus allein kein hinreichender Distributionskanal mehr ist. Mit der Digital Concert Hall bieten sie seit 2008 ein Streamingarchiv an, das Konzerte live und on demand zugänglich macht — zu einem Jahresbeitrag, der deutlich unter dem Preis eines Abonnements liegt. Das Archiv umfasst inzwischen Tausende von Stunden, darunter Konzerte aus der Karajan-Ära, die bislang nur auf Vinyl oder CD existierten.
Für die Position des Chefdirigenten hat das Konsequenzen. Petrenko dirigiert nicht nur für das Publikum im Saal — jede Aufführung ist potenziell weltöffentlich, synchron und dauerhaft abrufbar. Christian Thielemann, der als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden wirkt und als möglicher Kandidat für eine künftige Berufung nach Berlin gehandelt wird, hat diesen Druck bislang in einem anderen institutionellen Rahmen erlebt. Die Berliner Philharmoniker stellen in dieser Hinsicht eine eigene Kategorie dar.
Digital Concert Hall — Zahlen
- Gegründet: 2008
- Archivumfang: über 600 Konzerte
- Reichweite: mehr als 50 Länder weltweit
- Jahresabo: rund 149 Euro (Stand 2024)
Das Erbe der großen Chefdirigenten war früher primär akustisch — in Aufnahmen eingefroren, durch Rezensionen vermittelt. Heute ist es visuell, unmittelbar, vergleichbar. Wer auf der Digital Concert Hall eine Petrenko-Aufführung der Fünften Brahms neben einer Karajan-Einspielung stellt, vollzieht einen Interpretationsvergleich, für den frühere Generationen in die Bibliothek gehen mussten.
Das verändert die Wahrnehmung der Rolle — aber es verändert nicht ihr Gewicht. Der Chef der Berliner Philharmoniker bleibt, was er seit Bülow war: eine Figur, an der sich entscheidet, wie die europäische Musiktradition klingt, wenn sie sich selbst befragt. Petrenko hat diese Frage bisher mit einer Nüchternheit gestellt, die anspruchsvoller ist als jede Geste des Genies. Ob sein Nachfolger eines Tages denselben Mut haben wird, bleibt offen.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Wer ist der aktuelle Chef der Berliner Philharmoniker?
- Kirill Petrenko ist seit der Saison 2019/20 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Der 1972 in Omsk geborene Dirigent wurde 2015 von den Orchestermitgliedern gewählt und trat sein Amt offiziell im September 2019 an.
- Wie wird der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gewählt?
- Die Berliner Philharmoniker sind eine selbstverwaltete Körperschaft und wählen ihren Chefdirigenten in einer geheimen Abstimmung durch sämtliche Orchestermitglieder selbst. Weder Intendanz noch externe Geldgeber haben dabei ein formales Mitspracherecht.
- Welche berühmten Dirigenten waren bereits Chef der Berliner Philharmoniker?
- Zu den bekanntesten Chefdirigenten zählen Hans von Bülow (1887–1892), Arthur Nikisch (1895–1922), Wilhelm Furtwängler (1922–1954), Herbert von Karajan (1956–1989), Claudio Abbado (1990–2002) und Sir Simon Rattle (2002–2018).
- Was zeichnet den Dirigierstil von Kirill Petrenko aus?
- Petrenko bevorzugt rhythmische Präzision und dynamische Differenzierung gegenüber dem breiten, homogenen Legato-Klang früherer Ären. Er arbeitet kammermusikalisch-dialogisch mit dem Orchester, sucht Brüche und Kontraste und vermeidet das Heroische. Seine Beethoven-Einspielungen mit den Philharmonikern gelten als Referenzaufnahmen des neuen Jahrhunderts.
- Warum gilt die Position als eine der wichtigsten in der Musikwelt?
- Die Berliner Philharmoniker gelten seit über einem Jahrhundert als eines der führenden Symphonieorchester weltweit. Ihr Chefdirigent bestimmt nicht nur den Klang eines einzelnen Ensembles, sondern beeinflusst Standards, Aufnahmekultur und interpretatorische Leitbilder für den gesamten Klassikbetrieb.
